Wednesday, 21st November 2018
21 November 2018

Ohne Blinddarm erkrankt man seltener an Parkinson

Eine neue Studie offenbart einen verblüffenden Zusammenhang: Menschen ohne Wurmfortsatz erkranken bis zu 25 Prozent seltener an Parkinson. Wissenschaftler haben eine mögliche Erklärung dafür. 0

Eine Entfernung des Blinddarms könnte das Risiko für eine Parkinson-Erkrankung senken. Das legt eine internationalen Studie unter Leitung von Bryan A. Killinger vom Van Andel Research Institute in Grand Rapids (USA) nahe.

Die im Fachjournal „Science Translational Medicine“ veröffentlichte Arbeit basiert auf den Krankheitsdaten von insgesamt 1,6 Millionen Menschen. Und sie liefert erstmals Hinweise auf einen möglichen Einfluss des Blinddarms auf die Entstehung von Parkinson.

Die Wissenschaftler stellen fest, dass ein entfernter Wurmfortsatz das Risiko für eine spätere Parkinson-Diagnose um rund 20 Prozent verringert. Bei Menschen, die auf dem Land leben, waren es sogar 25 Prozent. Wie kann das sein?

Parkinson wird normalerweise anhand von motorischen Symptomen diagnostiziert. Bekannt ist außerdem, dass bestimmte Darmbeschwerden Vorboten einer Parkinson-Erkrankung sein können. Sie können bereits Jahre vor den ersten motorischen Fehlleistungen auftreten.

Es gibt die Theorie, dass Parkinson durch eine Anhäufung von Alpha-Synuclein-Eiweißen in der Hirnregion Substantia nigra verursacht wird. Bereits in früheren Studien hatten Forscher bei Parkinson-Patienten aggregiertes Alpha-Synuclein auch in Nervenzellen des gastrointestinalen Traktes gefunden.

In der aktuellen Studie suchten die Forscher nach Alpha-Synuclein auch in den entfernten Wurmfortsätzen. Und sie wurden fündig, auch bei ansonsten gesunden Menschen. Als Fazit dieser Untersuchungen formulieren die Forscher, dass der „normale menschliche Blinddarm pathogene Formen von Alpha-Synuclein enthält und das Risiko einer Parkinson-Diagnose beeinflusst.“ Ein solcher Zusammenhang passt gut zu den statischen Daten.

„Die von Killinger und seinen Kollegen vorgelegte epidemiologisch-molekularbiologische Studie ist sachkundig gefertigt und methodisch vielseitig“, kommentiert Professor Heiko Braak von der Arbeitsgruppe klinische Neuroanatomie am Universitätsklinikum Ulm.

„Das Hauptaugenmerk der Studie gilt dem Wurmfortsatz, der nach den Befunden der Autoren bereits im Jugendalter große Mengen von normalem und vielfältig verändertem Alpha-Synuclein enthält, die letztendlich in Form von Keimen den Weg in Äste des Nervus vagus finden könnten“, so Braak. Von dort könnten sie dann bis in das Gehirn verschleppt werden und dort Parkinson auslösen.

„Die Ergebnisse dieser Studie stehen im Einklang mit früheren Berichten“, stellt Francisco Pan-Montojo vom Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung am Klinikum der LMU München fest.

„Die aktuellen Befunde sind dennoch überraschend, weil sie nahelegen, dass bis zu 25 Prozent der Parkinson-Diagnosen auf das Vorhandensein von verkürzten und aggregierten Formen von Alpha-Synuclein-Eiweißen im Wurmfortsatz zurückzuführen sein könnten“, sagt Pan-Montojo.

Walter Schulz-Schaeffer, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum des Saarlandes, hält die aktuelle Studie auch deshalb für interessant, weil „ein Einfluss der Aufnahme von Pflanzenschutzmitteln über den Magen-Darm-Trakt auf die Entstehung einer Parkinson-Krankheit“ diskutiert wird.

Doch Schulz-Schaeffer warnt davor, voreilige Schlüsse zu ziehen: „Auf keinen Fall rechtfertigt die Studie eine Blinddarmentfernung zur Vorbeugung einer Parkinson-Erkrankung.“ Der statistische Zusammenhang sei dafür viel zu gering.

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