Saturday, 15th December 2018
15 Dezember 2018

Ein neuer Ansatz gegen Aids

HI-Viren können sich lange Zeit in Zellen verstecken. In Israel wird jetzt ein Therapiekonzept erprobt, das die Heilung von Aids möglich machen könnte. Die Idee ist, die Infektion zunächst zu verstärken. 0

Weltweit leben über 37 Millionen Menschen mit einer HIV-Infektion, jährlich kommen etwa zwei Millionen hinzu. Die Vermehrung der Viren im Körper lässt sich mit einer Reihe von Medikamenten gut unterdrücken, doch wegen Resistenzbildung besteht immer die Gefahr, dass die gegen das Virus eingesetzten Waffen stumpf werden. Unter Hochdruck arbeiten Forscher daher an neuen Behandlungsmethoden – sei es an einer Impfung oder an verschiedenen Ansätzen einer Gentherapie.

Eine israelische Biotechfirma hat nun einen ganz neuen Ansatz vorgestellt, wie HIV-Infektionen geheilt werden könnten. Gammora heißt der von Zion Medical entwickelte Wirkstoff, der das bisherige Therapiekonzept auf den Kopf stellt. Im Gegensatz zu den gängigen Kombinationsmedikamenten treibt Gammora die Infektion sogar an – aber auf eine Weise, die befallene Zellen mitsamt Viren nach und nach absterben lässt. „Die neue Therapie weckt die Hoffnung, dass wir mit ihrer Hilfe Menschen eines Tages von ihrer HIV-Infektion ganz befreien können“, sagte Esmira Naftali, Chefentwicklerin bei Zion Medical, zu WELT.

„Wenn sich die Ergebnisse bestätigen lassen, handelt es sich um einen bedeutenden Durchbruch“, urteilt Eugene Katchman vom Aids-Zentrum des Ichilov-Krankenhauses in Tel Aviv über eine neue Studie: An einem Krankenhaus in Uganda wurde Gammora insgesamt zehn Wochen lang acht HIV-positiven Patienten gespritzt. Am Ende der vierwöchigen ersten Phase war die Zahl der HI-Viren in ihrem Blut um bis zu 90 Prozent gesunken, ohne dass ein Patient über Nebenwirkungen geklagt hatte. In der zweiten Phase der Studie erhielten die Patienten zusätzlich zu Gammora auch herkömmliche Medikamente. Vier bis fünf Wochen später waren die Viren um 99 Prozent reduziert. Zudem war die Zahl der weißen Blutkörperchen, die vom HIV in erster Linie angegriffen und zerstört werden, stark angestiegen.

Bislang bekämpfen HIV-Medikamente die Infektion, indem sie den natürlichen Zyklus des Virus stören. HIV infiziert bestimmte Immunzellen des menschlichen Körpers und entleert sein genetisches Material zusammen mit Enzymen ins Zellinnere. Es ist ein Retrovirus – das bedeutet, dass sein genetisches Material aus labiler RNA besteht. Die meisten Lebewesen, auch der Mensch, halten ihre genetischen Informationen dagegen mit der stabileren DNA fest. Um Zellen zu kapern, muss das Virus seine RNA zuerst mithilfe eines speziellen Enzyms in DNA verwandeln.

Andere virale Enzyme brechen die menschliche DNA auf und bauen die Viren-DNA dann in die der Bruchstelle ein. Damit ist die feindliche Übernahme komplett. Zelleigene Proteinfabriken erhalten nun Anweisungen von der integrierten DNA und bauen neue Viren. Mit Tausenden Viren bis zum Bersten gefüllt stirbt die Zelle und entlässt ihre tödliche Ladung in den Blutstrom, wo der Zyklus von Neuem beginnt. Hat HIV zu viele Immunzellen zerstört, wird der Organismus krankheitsanfällig. Das Resultat ist Aids – die akquirierte Immuninsuffizienz, die letztlich zum Tod führt.

Wer einmal HIV hat, braucht lebenslange Behandlung

Bislang versuchen Ärzte, die Vervielfältigung von HIV aufzuhalten. Medikamente verhindern entweder das Andocken an die Immunzellen, die „Übersetzung“ der RNA in DNA, den Einbau der DNA in das menschliche Chromosom oder die Entstehung infektiöser neuer Virenpartikel. Der heute eingesetzte Wirkstoffcocktail, mit dem die meisten HIV-positiven Patienten behandelt werden, senkt sehr effektiv die Zahl der Viren, bis sie im Blut kaum noch nachzuweisen sind. So wurde Aids von einer tödlichen Krankheit zu einem chronischen Zustand.

Doch wer einmal HIV hat, muss sich lebenslang therapieren – die fest im Genmaterial der Patienten integrierte Viren-DNA lässt sich nicht wieder entfernen. Das beeinträchtigt die Lebensqualität und ist schädlich für Leber und Muskeln, kann zudem langfristig das Risiko für Herzinfarkte erhöhen.

Gammora indes unterdrückt das Virus nicht, es ermutigt ihn. HIV ist nämlich ein sehr vorsichtiger Parasit: Es baut nur zwei Kopien seines Genmaterials im Zellkern ein. Genau hier setzt der Wirkstoff, der an der Hebrew University entwickelt wurde, an. Er aktiviert das Enzym, das für den Einbau der viralen DNA verantwortlich ist, und führt dazu, dass statt zweier Kopien nun unzählige virale Gene in die Chromosomen kommen.

Der enorme Schaden aktiviert dann einen zelleigenen Schutzmechanismus: die Apoptose. Dieses von der Evolution entwickelte Programm, das in unseren Körpern täglich immer wieder ausgeführt wird, lässt Zellen Selbstmord begehen. Der geschieht so sanft, dass er frei von Nebenwirkungen ist. So werden HIV die Fabriken genommen, die es für seine Fortpflanzung braucht. Gammora könnte womöglich auch die Reservoirs zerstören, in denen das Virus bislang lebenslang schlummerte.

Bis zu einer breiten klinischen Anwendung ist es aber noch ein weiter Weg. Die Studie in Uganda ist nicht mehr als ein erster Versuch, der viele wichtige Fragen offenlässt. Es gab keine Kontrollgruppe, das Experiment endete nach nur zwei Monaten zu einem Zeitpunkt, zu dem das Virus bei allen Patienten weiterhin im Blut nachweisbar war – von Heilung also keine Spur. Die Behauptung der Firma, Gammora könne HIV eliminieren, ist damit noch lange nicht bewiesen. Die acht Behandelten klagten zwar über keine Nebenwirkungen, dennoch bleibt unsicher, wie gut verträglich das Medikament tatsächlich ist. Nur eines ist deshalb schon jetzt klar: „Es wird viele HIV-Patienten geben, die sich freiwillig melden werden, um Gammora zu testen“, sagt der Mediziner Katchman, der keine Beziehungen zu Zion Medical oder zur Studie hat. „Erst danach werden wir wissen, wie hilfreich dieses Medikament wirklich ist.“

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